Militäreinsatz Afghanistan: Werden die Soldaten zu wenig gewürdigt? | Markus Lanz vom 22. Juli 2021

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Published on 23 Jul 2021, 5:35
Nach dem 20-jährigen Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan sind die letzten 264 Soldatinnen und Soldaten Ende Juni nach Deutschland zurückgekehrt. Nach den vielen Jahren ihres Einsatzes wurden diese allerdings nicht feierlich empfangen, denn weder Politiker noch andere Amtsträger waren vor Ort um die letzten Heimkehrer zu begrüßen.

„Das muss gar keine Zeremonie sein. Da muss nur jemand stehen und sagen: ‚Schön, dass ihr wie-der da seid. Danke, dass ihr diesen Einsatz geleistet habt. Und jetzt fahrt zu euren Familien.‘ Und das ist versäumt worden“, erklärt der Generalsekretär der SPD Lars Klingbeil, der gebürtig aus Munster, dem größten Heeresstandort der Bundeswehr in Deutschland kommt und selber Menschen kennt, die in Afghanistan im Einsatz waren. Für ihn fehle die Würdigung von der Politik für die Bereitschaft dieser Soldatinnen und Soldaten, denn entsendet wurde die Bundeswehr von dem Parlament eigens als Befehl, weshalb man auch eine Verantwortung trägt und diese gegenüber der Bundeswehr auch zeigen sollte. Und das der Einsatz vor Ort kein leichter gewesen sei, kenne er von vielen Erzählungen der Betroffenen, die immer noch posttraumatisch mit den Erinnerungen zu kämpfen haben, was auch ein gesellschaftliches Problem sei.

Diese posttraumatischen Folgen könne die Ex-Soldatin Dunja Neukam nur zu gut bestätigen. Sie war persönlich in Afghanistan als Sanitäterin im Einsatz gewesen und hat viele der Geschichten mitbekommen. In ihrer Arbeit habe sie viele Gespräche mit verletzten Soldatinnen und Soldaten geführt, die schlimme Sachen gesehen und Eindrücke zu verarbeiten haben. Unter anderem ein Kamerad, der ein Dorf immer wieder mit Trinkwasser beliefert hat und sich die Kinder dort gefreut haben. Eines Tages jedoch kam er in dieses Dorf und die Kinder hingen am Eingang ermordet an Seilen herunter. Die seelische Belastung dieser Eindrücke sei ein täglicher Bestandteil des Einsatzes gewesen, durch die Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Mission, Realitätsverluste und Angstvorstellungen aufkommen, auch nach dem vollendeten Einsatz zu Hause in Deutschland.

Doch am Anfang sei der Einsatz ein noch friedlicher gewesen, der als Ziel hatte das Land wieder aufzubauen, die Zivilbevölkerung zu beschützen und durch den Bau von Brunnen zu unterstützen. Doch im Jahre 2003 kippte die Lage spürbar durch einen Anschlag auf einen Bus, bei dem vier deutsche Soldaten gestorben sind und sieben weitere schwer verletzt wurden. In dieser Zeit war sie im Heimaturlaub gewesen, nachdem sie eng mit der Zivilbevölkerung zusammengearbeitet hatte und diese sich auch über die Anwesenheit der Bundeswehr gefreut hatten.

Doch bei ihrer Rückkehr in den Einsatz nach dem Busanschlag habe sie sofort eine Veränderung gespürt. Hinter jedem Zivilisten musste man einen Attentäter vermuten, Ausflüge außerhalb des Lagers waren nur noch mit Genehmigung und gepanzerten Fahrzeugen möglich, das schöne Land Afghanistan und die sehr netten Menschen gab es leider in dem Moment nicht mehr, da man um sein Leben fürchten musste und die Taliban als Zivilisten verkleidet immer wieder Anschläge durchführten. Für sie war dieser Punkt ein sehr einschneidender gewesen, denn auch durch die Handlungen der Amerikaner, die nicht wie die deutsche Bundeswehr Frieden schaffen, sondern den Anschlag vom 11. September rächen wollten, spitzte sich die Lage enorm zu.
Aufgrund dieser Erfahrungen fand sie es auch sehr schade, dass die letzten Soldatinnen und Soldaten nicht gebührend in ihrer Heimat empfangen wurden. „Man fühle sich manchmal nicht so wahrgenommen“, berichtet sie und würde sich von der Politik wünschen, dass die Bereitschaft der Bundeswehr mehr geschätzt werden würde.

Den gesamten Talk findet ihr hier: kurz.zdf.de/nZP

Weitere Gäste in der Sendung:

Katrin Eigendorf, Journalistin
Die ZDF-Reporterin berichtet von der aktuellen Situation in Afghanistan nach dem Abzug großer Teile der internationalen Truppen und dem jüngsten Vormarsch der Taliban.

Nadia Nashir-Karim
Mit dem Verein „Afghanischer Frauenverein e.V.“ engagiert sie sich seit 1992 in Afghanistan. Sie sagt, was der Abzug für die Mensch vor Ort bedeutet.

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#Lanz #Bundeswehr #Afghanistan
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