Digitalisierung: Bleibt das Internet für uns #Neuland? | Podcast: Umbruch | BR24

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Published on 19 Sep 2021, 6:59
Der Bundestagswahlkampf befindet sich in der heißen Phase und eines jener Themen, mit denen die Parteien zu punkten versuchen, ist die Digitalisierung. Alle Wahlprogramme sind gespickt mit dem Wort „digital“. Aber gehen die Parteien den richtigen Weg? Und wie steht Deutschland am Ende der Ära Merkel in Punkto Digitalisierung da?

Das Internet für jedermann gibt es seit den 1990er-Jahren. Und obwohl von Seiten der Politik seitdem immer wieder betont wurde, wie wichtig Digitalisierung ist, hat Deutschland noch viel nachzuholen. Entsprechend häufig beschäftigen sich auch die Wahlprogramme der Parteien mit diesem Thema.

Forschung an Künstlicher Intelligenz
Wer sehen will, wie digital unser Land sein kann, der muss nach Garching an die TU München fahren. Dort arbeiten die Professorin für Automatisierung und Informationssysteme Birgit Vogel-Heuser und ihr Team an der Digitalisierung von Fabriken.

In einem Versuchsaufbau soll die Produktion von Joghurt simuliert werden. Man sieht Dutzende kleiner Gläschen, die durch ein Gewirr von Förderbändern zu den Abfüllstationen geschickt werden. Dort wird der Joghurt in die Behälter gepumpt, wobei es sich der Einfachheit halber nicht um Joghurt, sondern um blubberndes Wasser handelt. Etwas weiter werden Kügelchen in verschiedenen Geschmacksvarianten per Druckluft in die Gläschen befördert. "Jedes Gerät weiß genau, was es kann", erzählt Birgit Vogel-Heuser. "Das heißt, jeder dieser Bauteile redet mit den anderen und sagt: 'Hey, ich hab jetzt hier ein Fläschchen, das möchte zur Abfüllung links und ich übergebe dir das jetzt.'"

Alle Fläschchen wissen also, wo sie hinwollen und können auch mit den Anlageteilen kommunizieren. Im Falle einer Störung suchen sie sich sogar einen neuen Weg durch das Labyrinth an Förderbändern. Alles greift hier ineinander - dank künstlicher Intelligenz.

Deutschland kann digital - manchmal
Die Professorin und ihr Team beschränken sich aber nun nicht auf unterhaltsame Laborexperimente, sondern sie entwickeln maßgeschneiderte Lösungen für Unternehmen und deren oft noch sehr analog gesteuerte Produktionshallen. "Wir schauen uns die alte Anlage an und schauen, wo sind die Schwachstellen", erzählt Birgit Vogel-Heuser.

So könne man beispielsweise die Energieeffizienz optimieren. Hier könne Deutschland seine Stärken ausspielen, denn es gehe darum, "im Öl zu stehen", sprich: Man habe es mit Fabrikanlagen zu tun, mit Systemen, die nicht gut zugänglich sind. Digitalisierungexperten im Ausland sei dieses Feld zu anstrengend, in Deutschland aber gäbe es Unternehmen, die hier sehr stark seien.

Brachenverband Bitkom: Lange Wunschliste an die Politik
Alles gut also, Deutschland ein Vorreiter in der Digitalisierung? Weit gefehlt! In verschiedenen Untersuchungen schneidet unser Land schlecht bis ganz schlecht ab, wenn es um den Einsatz und die Entwicklung digitaler Technologie in Wirtschaft, Verwaltung oder Bildung geht. Der Branchenverband Bitkom hat deshalb eine lange Wunschliste für die neue Bundesregierung formuliert. Ganz oben auf dieser Liste stehen ein Digitalministerium und ein neues Mindset. "Wir brauchen eine Kultur, die sagt: Wir probieren das jetzt aus, wie lassen jetzt mal etwas zu", fordert Fabian Zacharias, der Leiter der Politikabteilung bei Bitkom.

"Wir müssen gucken, wie wir es hinbekommen, dass Menschen Lust haben zu gründen." Zudem müsse die digitale Bildung verbessert werden, weshalb man eine Föderalismusreform brauche. Beim Bitkom ist man nämlich der festen Überzeugung, dass die Länderhoheit bei der Bildung oft einem großen Digital-Wurf entgegensteht.

Die digitale Verwaltung lässt auf sich warten
Wichtig wäre dem Digitalverband auch noch ein Umbau der Verwaltung. Im Onlinezugangsgesetz hatte die Große Koalition vor einigen Jahren versprochen, knapp 600 Dienstleistungen in der Verwaltung bis Ende 2022 zu digitalisieren. Bislang hat man aber erst 70 davon abgearbeitet.

Kanzlerin Angela Merkel hat 2013 gesagt: "Das Internet ist für uns alle Neuland." Dieser Satz steht für die technologische Überforderung einer ganzen Politikergeneration. Dass die Parteien in ihre Wahlprogramme nun das Wort "digital" so oft hineingeschrieben haben wie kein anderes – die Union fast 200 mal – das alleine reicht allerdings noch nicht für den nötigen Umschwung.

Was ist Umbruch?
Christian Schiffer und Christian Sachsinger setzen sich alle vier Wochen mit jenen Technologiethemen auseinander, die in der Gesellschaft große Veränderungen in Gang bringen. Die Autoren und Macher erklären technologische Entwicklungen so, dass sie wirklich alle verstehen. Sie zeigen dabei die Chancen und Risiken. "Umbruch" ist ein Blick in die Glaskugel der digitalen Zukunft.

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